Die zentrale Botschaft des MINT-Herbstreports 2024 ist klar: Ohne eine starke Förderung von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) wird Deutschlands Innovationskraft langfristig stark beeinträchtigt. In einer zunehmend technologiegetriebenen Welt sind diese Disziplinen die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum, technologische Fortschritte und gesellschaftlichen Wohlstand. Doch der Report zeigt auch auf, dass dringender Handlungsbedarf besteht, um bestehende Herausforderungen zu meistern. In diesem Beitrag werfen wir einen detaillierten Blick auf die Kernbefunde des Berichts und diskutieren Lösungsansätze.
MINT als Motor für Innovation und Wachstum
Weltweit gilt MINT als entscheidender Enabler für Innovation und Wachstum. Studien belegen, dass Regionen mit einem hohen Anteil an MINT-Beschäftigten deutlich innovativer und erfolgreicher sind. Ein hohes Niveau an MINT-Kompetenzen fördert nicht nur die Entwicklung neuer Technologien, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften. Dies ist gerade für Deutschland von zentraler Bedeutung, da die Wirtschaft stark auf Export und technologischen Vorsprung angewiesen ist.
MINT und Innovation: Treiber der deutschen Wirtschaft
Insbesondere die Metall- und Elektroindustrie (M+E-Industrie) sticht durch einen hohen Anteil an MINT-Erwerbstätigen hervor. Rund 55 bis 68 Prozent der dort Beschäftigten verfügen über eine MINT-Qualifikation. Diese Branchen investieren traditionell stark in Innovationen. Im Jahr 2022 wurden rund 110 Milliarden Euro in neue Technologien und Entwicklungen investiert – ein Betrag, der etwa 58 Prozent der gesamten Innovationsausgaben Deutschlands ausmacht. Dieser hohe Einsatz verdeutlicht, wie eng MINT-Fähigkeiten mit der Innovationsleistung eines Landes verknüpft sind.
Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands unter Druck
Trotz dieser beeindruckenden Investitionen gerät Deutschland im internationalen Innovationswettbewerb ins Hintertreffen. Im Ranking des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) ist Deutschland von Platz 10 auf Platz 12 abgerutscht. Dies ist alarmierend, da Deutschland traditionell zu den führenden Innovationsnationen zählt.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group und dem BDI benennt die Ursachen für diesen Rückgang: Hohe Energiekosten, steigende Löhne, komplexe Steuerregelungen und eine hohe Bürokratiebelastung erschweren es Unternehmen, wettbewerbsfähig zu bleiben. Besonders betroffen ist die industrielle Wertschöpfungskette, die langfristig Gefahr läuft, ins Ausland abzuwandern. Dennoch gibt es auch Lichtblicke: Deutschland bleibt stark in der Forschung, bei Patentanmeldungen und in der MINT-Bildung. Zudem bieten neue Technologien im Bereich des Klimaschutzes große Chancen.
Innovationsindikatoren im Rückblick
Obwohl die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) auf 3,1 Prozent des BIP im Jahr 2022 gestiegen sind, konnte Deutschland seinen Vorsprung gegenüber anderen Volkswirtschaften nicht halten. Viele Länder haben ihre Forschungsintensität sogar noch stärker gesteigert. Besonders besorgniserregend ist der rückläufige Anteil Deutschlands an den internationalen Patentanmeldungen seit dem Jahr 2000. Im gleichen Zeitraum hat China große Fortschritte erzielt, insbesondere im Bereich elektrifizierter Antriebe.
Der Fachkräftemangel als Innovationsbremse
Eine der größten Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft ist der Fachkräftemangel im MINT-Bereich. Laut der ZEW-Innovationserhebung 2020 bis 2022 berichtete ein Großteil der Unternehmen von Innovationshemmnissen, die auf den Mangel an qualifizierten Fachkräften zurückzuführen sind. Viele Projekte wurden verzögert, abgebrochen oder gar nicht erst begonnen.
Auch aktuell bleibt der Fachkräftemangel auf einem hohen Niveau. Besonders betroffen sind Unternehmen, die auf Digitalisierung und Klimaschutz setzen. So nannten 44 Prozent der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als größte Hürde bei der Digitalisierung. Auch bei der Energiewende und im Umgang mit geopolitischen Risiken ist der Mangel an MINT-Fachkräften ein erhebliches Problem.
Die großen Herausforderungen der Zukunft: Die 4 Ds
Der MINT-Herbstreport identifiziert vier große Herausforderungen, die in den kommenden Jahren gemeistert werden müssen:
- Digitalisierung: Unternehmen müssen ihre Prozesse digitalisieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
- Dekarbonisierung: Der Übergang zu klimafreundlichen Technologien erfordert erhebliche Investitionen und Innovationen.
- Demografie: Die alternde Bevölkerung führt zu einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot.
- Deglobalisierung: Geopolitische Spannungen und Handelsrestriktionen erschweren internationale Geschäftsbeziehungen.
Innovierende Unternehmen sind besser aufgestellt
Unternehmen, die stark in Innovationen investieren, sehen sich besser für die Zukunft gerüstet als weniger innovative Betriebe. Dies ergab eine Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft. Gerade im Hinblick auf Klimaschutz, Digitalisierung und den Umgang mit geopolitischen Risiken schneiden innovative Unternehmen besser ab. Dennoch bleibt die Transformation auch für sie eine große Herausforderung.
Steigender Bedarf an MINT-Fachkräften
Die Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte wird in den kommenden Jahren zu einem wachsenden Bedarf an MINT-Fachkräften führen. Rund 35 Prozent der Unternehmen erwarten eine steigende Nachfrage nach Absolventinnen und Absolventen der Informatik, 28 Prozent rechnen mit einem erhöhten Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren. Besonders innovierende Unternehmen melden einen größeren Bedarf an MINT-Fachkräften als weniger innovative.
Bildungsinvestitionen als Schlüssel zur erfolgreichen Transformation
Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, sind nach Ansicht der Unternehmen verstärkte Bildungsinvestitionen erforderlich. Auf einer Skala von 0 bis 100 bewerten sie die Bedeutung solcher Investitionen mit einem Medianwert von 96. Dies zeigt, wie groß der Handlungsbedarf in diesem Bereich ist.
Herausforderung 1: MINT-Studienanfängerzahlen erhöhen
Die Zahl der MINT-Studienanfängerinnen und -anfänger ist von 198.000 im Jahr 2016 auf 179.500 im Jahr 2023 gesunken. Dieser Rückgang könnte in den kommenden Jahren zu einem deutlichen Fachkräftemangel führen. Um dem entgegenzuwirken, braucht es eine klischeefreie Berufs- und Studienorientierung, eine bessere MINT-Bildung sowie mehr internationale Studierende.
Herausforderung 2: MINT-Kompetenzen in Schulen stärken
Auswertungen von PISA-Daten zeigen einen besorgniserregenden Trend: Der Anteil leistungsstarker Jugendlicher in Mathematik ist von 17,5 Prozent im Jahr 2012 auf 8,6 Prozent im Jahr 2022 gesunken, während der Anteil leistungsschwacher Jugendlicher von 17,7 Prozent auf 29,5 Prozent gestiegen ist. Um diesen Trend umzukehren, sind bessere Mathematikunterricht, mehr Sprachförderung und bessere Bildungschancen erforderlich.
Herausforderung 3: Weltoffenheit fördern
Zuwanderung spielt bereits heute eine wichtige Rolle bei der Sicherung der Fachkräftebasis. Der Anteil der Erfindenden mit ausländischen Wurzeln bei Patentanmeldungen ist zwischen 2010 und 2020 von 7,5 Prozent auf 13 Prozent gestiegen. Angesichts der demografischen Entwicklung wird Zuwanderung noch wichtiger werden.



